N° 9 Solidarisch

SOLIDARBIOTOP

Im aktiven Corps Arminia wird
das Selbstvertrauen des Einzelnen gestärkt und die Verhaltensweisen
eingeübt, die zum Erhalt von kleinen, festgefügten Gemeinschaften
beitragen.

Auf der Stiftungsfestkneipe 1997 des Corps Arminia wurden
vom Gastredner drei Verhaltensweisen aufgezählt, "die es möglich
machen, daß wir miteinander und füreinander zusammenkommen können":
Einsatzfreude, Pflichtbewußtsein, und Verzichtbereitschaft.

Individuelle und gemeinsame Unternehmungen ausdenken, sorgfältig
vorbereiten, selbstsicher durchführen, ohne in G’schaftlhuberei
zu verfallen. Seine Zielen unbeirrt verfolgen, unter Berücksichtigung
der Bedürfnisse und Sichtweisen seiner Mitmenschen. Dem Zwang der
Gesellschaft zur sofortigen Befriedigung unsinniger Konsumwünsche
eine Abfuhr erteilen, ohne in Askese zu verfallen.

Einsatzfreude, Pflichtbewußtsein und Verzichtbereitschaft
sind individuelle und gemeinschaftsfördernde Verhaltensweisen, die
in den 60er Jahren von den Soziologen der Frankfurter Schule als
Mittel zur Ausbeutung des Einzelnen durch große und anonyme Organisationen
in Wirtschaft und Politik in Verruf gebracht worden waren: Statt
ihn zu entlasten, wurde mit einer gewissen Berechtigung behauptet,
würden sie dem Individuum zusätzlich zu seiner Alltagslast aufgebürdet.
Ohne sie kritisch zu hinterfragen übernahmen damals viele junge
Leute diese Argumente, und verbannten die zu Unwörtern verkommenen
Begriffe Einsatzfreude, Pflichtbewußtsein, Verzichtbereitschaftaus
ihrem Wortschatz. Nur wenige fragten sich, was die Sozialrevolutionäre
erreicht hätten, wenn sie nicht ihrerseits und in ihrem Sinne ein
Übermaß an persönlichen Einsatz, Pflichterfüllung und Verzichtbereitschaft
auf sich genommen hätten.

Ist aber nicht die "Entlastung" des Einzelnen,
wenn er gemeinschaftsfördernde Verhaltensweisen ablegt, trügerisch?
Muß nicht der Mensch zwangsläufig seine – vorgebliche – individuelle
Freiheit mit individueller Einsamkeit bezahlen, die zu einer schlimmeren
Belastung werden kann als das mit Einsatzfreude, Pflichtbewußtsein
und Verzichtbereitschaft verbundene persönliche Opfer? Oder war
der Aufruf, diese Verhaltensweisen abzustreifen, nur ein infamer
Trick, um die Dummen und Leichtgläubigen nur umso leichter abrichten
zu können, zu Zwecken, die nicht die ihrigen sind?

Wir meinen: Es ist höchste Zeit, die alten gemeinschaftsfördernden
Tugenden wiederzuentdecken, sie vom Staub zu befreien und aufzupolieren,
ihre Zweckmäßigkeit zu überprüfen, ihre Grenzen zu diskutieren.
Natürlich hat auch die Aufopferung für die Gemeinschaft, unsere
Belastung mit Edelmut, Güte und Hilfsbereitschaft ihre Grenzen.
Diese Grenzen zu beachten, sich trotzdem maßvoll großzügig und hilfsbereit
zu zeigen, das trifft unsere Natur besser als der erhobene Zeigefinger
der Moralisten, die die Moral verraten, indem sie auf Biegen und
Brechen edle und tugendhafte Menschen aus uns machen wollen.

Im Solidarbiotop des aktiven Corps

Gemeinschaftsförderndes Verhalten: Wo sonst als in dem kleinen
Kreis der gleichzeitig aktiven Corpsbrüder läßt es sich kultivieren,
wo findet man ein vielfältigeres, lebendigeres Solidarbiotop als
im aktiven Corps? Hier wird durch das Vorbild des Gleichaltrigen
gezeigt, wie die Kunst gemeinschaftlichen Handelns eingeübt werden
kann. Hier wird man daran erinnert, daß genügend an Einsatz, Pflichterfüllung
und Verzicht übrig bleiben muß, um in die eigene Zukunft, in das
Studium und in den Beruf investiert zu werden. Hier wird gesagt,
daß nicht zuviel Kraft zur Kompensation eigenen Minderwerts verschwendet
werden darf. Hier lernt man, daß zuerst ein gesundes Selbstvertrauen
entstanden sein muß, bevor man selbstlos werden kann.

CORPS ARMINIA: Bei der gemeinschaftlichen Vorbereitung
gesellschaftlicher Veranstaltungen, im Convent und auf der Mensur
wird das Selbstvertrauen gestärkt, werden gemeinschaftsfördernde
Verhaltensweisen eingeübt.

»K. Ibel