N° 8 Verantwortlich

LEISTUNGSFÄHIGE HOCHSCHULE
– ABER WIE?

Unsere Hochschulen mit Ihren
Qualifikationswettbewerben und Irrtumsvermeidungsspielen sind nicht
mehr in der Lage, allen ihren Studenten die Bildung zu vermitteln,
die von Hochschulabsolventen erwartet wird. Der junge Arminianer erwirbt
sich seine Zusatzqualifikationen im Gespräch und im praktischen Handeln,
im Convent und auf der Mensur.

"Leistungsfähige Hochschule – aber wie?", herausgegeben
von Josef Hollerith, Luchterhand 1997, 268 Seiten, DM 39,80.

22 Vertreter aus Wirtschaft und Hochschule haben sich zum
Thema Hochschulreform in einem, von Josef Hollerith Arminiae, Mitglied
des Bundestagsausschusses für Bildung, Wissenschaft, Forschung,
Technologie und Technologiefolgenabschätzung herausgegebenen Sammelwerk
geäußert. Der Herausgeber selbst signiert eine Darstellung über
die "Hochschul-Rahmengesetz-Kompetenz des Bundes".

Es ist bezeichnend, daß sich mehrere Beiträge kritisch mit
den Bemühungen von Politik und Staat auseinandersetzen, der Universität
ihre Autonomie anzutragen. Mit der Selbstverwaltung möchte man "im
Zeitalter der Not … den schwarzen Peter an die Universitäten weitergeben.
Autonomie und Globalhaushalt bedeuten … nichts anderes, als das
Abschieben von Verantwortung".

Daß die Hochschulen sich ändern müssen ist angesichts leerer
Staatskassen und des seit drei Jahrzehnten propagierten Studiums
für (fast) alle offensichtlich. Der bildungspolitische Sprecher
der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Lenzer, beanstandet, daß es den
Hochschulen verwehrt sei, bei ihren Studienanfängern deren "Qualität
und Beschaffenheit überhaupt zu kennen" – die Universitäten
sind demnach in einer ähnlichen Lage wie die Gefängnisse bezüglich
ihrer Insassen!

Die Schwierigkeiten auf dem Akademiker-Arbeitsmarkt und
die mangelhafte Vermittlung beruflicher Kompetenz durch die Hochschule
sind nicht unbemerkt geblieben: Schon jetzt sehen viele Abiturienten
im Studium eines technischen oder naturwissenschaftlichen Faches
für sich keine lohnende Investition mehr, die Studentenzahlen sind
drastisch zurückgegangen; 40 % aller Studierenden der Betriebswirtschaft
haben bereits eine Berufsausbildung hinter sich.

Das von Hollerith herausgegebene Buch will mehr als lediglich
Kritik anbringen; die Autoren zeigen aus Ihrer Sicht vernünftige
Reformansätze auf. Die Prominenz aus der Wirtschaft greift auf ihre
Festredner-Manuskripte zurück: Heute sei "ein grundlegend neues
Gestaltungsprinzip" erforderlich: "Dieses Prinzip heißt
Wettbewerb". Universitäten müßten sich um Studenten positionieren,
"indem sie sich ein unterscheidbares Profil … geben."
Insgesamt wird den Lesern die Erkenntnis angetragen, daß zwischen
Studenten und Hochschulen das Spiel von Angebot und Nachfrage die
Zukunft bestimmen wird: "Wettbewerb statt Gleichmacherei".
Hochschulstrukturreform in Form eines Schlagworts, das modisch auf
der Höhe der Zeit reitet? Späth und Stihl statt Horkheimer und Adorno,
Bund der Deutschen Industrie statt Frankfurter Schule, Pragmatismus
statt Ideologie?

Auch die Anerkennung von Werten kommt, hat Stand und Dauer,
und geht. Wir können nur froh darüber sein, daß unser Corps in den
vergangenen Jahrzehnten nicht auf der Höhe der Zeit geritten ist;
denn jetzt kann man sich wieder in Ruhe und mit Gewinn seinen Werten
zuwenden. Es gibt einen Ort, unser Corpshaus, wo man die Studenten
nicht auf eine triviale Weise den Strafvollzug nach der trokkenen
Theorie der Hochschuldidaktik verordnet; sondern wo man ihnen Alternativen
des Hochgefühls anzubieten vermag, andere Lebensorientierungen,
einen anderen Auftrieb und Schwung.

Der studierende Arminianer wird durch eine strategische
Studienplanung (die Feinheiten, die nicht in den Prüfungsordnungen
stehen, vermitteln ihm seine älteren Corpsbrüder) versuchen, den
Anforderungen des Studiums – so wie er sie vorfindet – gerecht zu
werden; aber im Convent und auf der Mensur erwirbt er sich die Vielfalt
der Beziehungen und das sichere Auftreten, die ihn – nicht nur im
Wettbewerb – auszeichnen werden.

»K. Ibel