N° 10 Schlagend

Fechten, weil wir es wissen
wollen!

Mut und Standhaftigkeit gepaart mit Gerechtigkeitssinn und
Selbstachtung sind zu allen Zeiten hochgeschätzte Charaktereigenschaften
gewesen, auch wenn man heute lieber von "emotionaler Stabilität
in Streßsituationen" und "Einsatzbereitschaft" redet.

Eine im Ansatz brauchbare Beschreibung der Mensur verdanken wir
der Encyclopaedia Britannica (1968): "Most German Universities
have long-established Verbindungen (fighting corps) with strict rules,
distinctive uniforms and great prestige. The meetings of the corps are
held in strict secrecy. The
Schläger, a heavy basket-hilted sabre
is used, and the method of swordplay is quite different from that of normal
fencing. In the Mensur the combatants take up a position on guard upright
and quite close to each other with the sabre held above the head and the
forearm in front of the face; it is a point of honour to remain immobile
from the top of the head to the rear foot during a bout. The forearm is
padded, the eyes are protected by steel glasses and the neck is also protected.
"

Bestimmungsmensur, das ist der aus dem ritterlichen Turnier entwickelte
Fechtwettkampf zwischen den Angehörigen verschiedener studentischer Verbindungen,
wobei die Gegner von den beiden Amtsträgern für das Fechten, den für ein
Semester gewählten Consenioren, "bestimmt" werden.Nicht das
Austeilen von "Blutigen" ist das Ziel der Bestimmungsmensur,
sondern es ist das kontrollierte Verhalten, die untadelige Haltung der
Paukanten, die gefordert wird. Und "Schmisse" werden von niemandem
als Zeichen besonderen Mutes herumgezeigt – das Risiko, einen "Blutigen"
einstecken zu müssen, bleibt jedoch nach wie vor untrennbar mit dem Sinn
und Zweck der Mensur verbunden. Ernsthafte Verletzungen werden durch die
Schutzkleidung mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen; daß die Mensur
wegen eines Blutigen abgebrochen wird, ist eher die Ausnahme. Die meisten
anderen denkbaren "Mutproben" sind übrigens viel zu gefährlich
und oft echt riskant, im Gegensatz zur Mensur.

Handlungskompetenz

Zum regelmäßigen Training ("Einpauken") dient der Paukboden.
Hier erwirbt der Paukant seine Handlungskompetenz. Technische Handlungskompetenz:
Ausdauer, Schnelligkeit, harmonisch ineinanderfließende, kraftsparende,
kontrollierte Bewegungen. Hier wird die Taktik erarbeitet: von der Deckung
– in die Deckung; und: sich anfangs zurückhalten, sich nicht verausgaben.
Der Paukant hat es sich immer wieder vorgestellt, wie er dastehen wird:
in der letzten Aufwärmphase vor der Mensur, während des Anlegens der Schutzkleidung,
nach dem ersten Startkommando "Hoch bitte! – Los!" Die verschiedenen
Hiebe, die Aufeinanderfolge der Hiebe in einem Satz, die vorgeschriebenen
Ruhepausen zwischen den Sätzen sind in Gedanken vor ihm über die Bühne
gegangen. Er ist bereit.

Ist er wirklich bereit? Wird er wirklich in der Lage sein, in
einer ungewohnten, kritischen Situation sich so zu verhalten, wie er es
sich vorgestellt hat, wie die Mensurregeln (die Vorschriften des "Pauk-Comments")
es fordern, unter den Blicken der Anderen? Wird er die "Krise des
Könnens" überstehen? Wird er mit all den unvorhersehbaren Widerwärtigkeiten
fertig, die ihm den Mut nehmen könnten? Wir wissen es nicht. Wir fechten,
weil wir es wissen wollen.

Für die Dauer der Mensur verbringen Paukant wie Zuschauer eine
Zeit, deren Ende entsprechend der vom Pauk-Comment vorgeschriebenen Zahl
von Hieben so gewiß ist wie ihr Ausgang ungewiß. Sie werden lernen, die
Ungewißheit zu ertragen: Die Mensur kann jederzeit zu einem Punkt hinführen,
wo etwas Unvorhersehbares eintritt. Zum Beispiel etwas Unverhofftes: daß
der Paukant über sich selbst hinauswächst, daß er über allen Schwierigkeiten
steht, daß ihm sogar jeder Gedanke an eine mögliche Verletzung bedeutungslos
wird.

Wer es wissen will und vor den anderen
Mitgliedern des Corps die Krise des Könnens besteht, wird anerkannt und
geachtet und darf sich zu dieser kleinen, festgefügten Gemeinschaft zählen.