N° 11 Tolerant

LINKS GESSLERHUT, RECHTS
HAKENKREUZ

Insbesondere bei deutschen Gesellschaftswissenschaftlern ist einseitiger
und unüberlegter Moralismus eine häufig anzutreffende Geisteshaltung:
Nicht selten hört man, unsere Lehrer müßten der jüngeren Generation
immer wieder den Massenmord an Juden im Dritten Reich in Erinnerung rufen;
denn nur dadurch könnten wir, so wird gesagt, verhindern, daß sich ein
derartiges Unglück wiederhole. Außerhalb Deutschlands kann man es aber auch anders hören.

Die jüdische Pädagogin Emma Shnur,
die ihre gesamte Familie im Holocaust verloren hat, bezeichnet in einem
vor kurzem erschienenen Interview («Ne prenons pas les jeunes en otage
pour nous libérer», Le Monde, 5. 12. 1997) derartige moralistische
Empfehlungen als leichtfertig und unverantwortlich.

Frau Shnur begründet ihre Meinung
mit pädagogischen Prinzipien: Wir müßten uns vergegenwärtigen,
meint sie, daß in jeder höheren Zivilisation auch die Fähigkeit zur terroristischen
Gewaltanwendung angelegt sei. Für die Jugend sei aber der Gedanke unerträglich,
daß ganz gewöhnliche Menschen zu willfährigen Gehilfen von Massenmördern
werden können. Frau Shnur erinnert daran, daß Vergangenheitsbewältigung
nur durch eine emotionsfreie, sorgfältige Analyse der politischen, wirtschaftlichen,
juristischen, gesellschaftlichen und kulturellen Erscheinungen einer Geschichtsepoche
geleistet werden könne, keinesfalls aber durch ein medienwirksames Zurschaustellen
von Leichenbergen, mit einem den Intentionen diametral entgegengesetzten
Ergebnis.

Frau Shnur hat aber noch einen zweiten,
ethischen Grund zur Kritik: Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus
sei notwendig, aber nur als Bestandteil eines Rituals des Gedenkens, für
das Ort und Zeit passend zu wählen seien. Auf keinen Fall dürfen wir,
wird uns gesagt, unsere Jugend zu Geiseln nehmen, nur um uns selbst moralisch
freisprechen zu können: Ehrfürchtiges Erschauern und moralische Schocktherapien
tragen nichts zum Verständnis der Vorbedingungen eines Massenmords bei.

An den gesellschaftswissenschaftlichen
Fachbereichen
unserer Universitäten bilden die moralischen Schulmeister
der zeitgeisthegemonialen Linken, die die Gesellschaft nach dem Vorbild
der Kritischen Theorie verändern wollen, in der Regel noch immer
die Mehrheit. Jede Gelegenheit zur Diskreditierung von traditionellen
(d.h., stabilen) gesellschaftlichen Institutionen, insbe-sondere auch
von schlagenden studentischen Verbindungen, ist ihnen recht. Mit abgegriffenen
Schlagworten wie "Neonazis" und "Rechtsradikale" werden
sie als Nachfolger terroristischer nationalsozialistischer Schlägertrupps
angeprangert.

Wer wird schon danach fragen, was
denn die Enkel und Urenkel mit den Untaten einiger gewaltbereiter linker
und rechter Ideologen der Großväter- und Urgroßvätergeneration zu tun
haben!?

Wie kaum eine andere Gemeinschaft
kommen schlagende Verbindungen einem Bedürfnis entgegen, das durch die
Soziologen der Frankfurter Schule mit der Propagierung der antiautoritären
Erziehung und der Forderung nach rücksichtsloser Selbstverwirklichung
für weite Kreise unbefriedigt geblieben ist: Sie helfen dem Ein-zelnen,
seine eigene Identität auszubilden; damit ersparen sie es ihm, bei fundamentalistisch-religiösen
Sekten oder bei links- und rechtsradikalen Gruppen Identität leihen zu
müssen.

Schlagende Verbindungen sind stabile
Solidarbiotope
, die sich mit Erfolg dem berechtigten Anliegen junger
Studenten widmen, im kleinen, festgefügten Kreis von Gleichaltrigen soziales
und solidarisches Handeln einüben zu können – vergeblich sucht man im
Vorlesungsverzeichnis unserer Universitäten nach einschlägigen Lehr-veranstaltungen.

Corps Arminia:
Der junge Student wendet sich heute wieder der kleinen, festgefügten Gemeinschaft
zu, weil sie die Überlebenstugend Solidarität kultiviert und damit seine
Selbstsicherheit stärkt.