Geschichte der Studentenverbindungen

  1. Die mittelalterliche Universität
    1. Die Entstehung der Universitäten
    2. Der Lehrbetrieb an den mittelalterlichen Universitäten
    3. Deutsche Universitäten
  2. Die frühe Neuzeit
    1. Die weitere Entwicklung der deutschen Universitäten
    2. Studentische Verbindungen
    3. Das 18. Jahrhundert
  3. Das 19. Jahrhundert
    1. 1813-1819: Von den Befreiungskriegen zu den Karlsbader Beschlüssen
    2. 1820-1848/49: Restauration, Vormärz und Revolution
    3. 1850-1914: Reaktionszeit und Kaiserreich
  4. Das 20. Jahrhundert
    1. Die Weimarer Republik
    2. Das Dritte Reich
    3. Die Nachkriegszeit
  5. Literatur

1. Die mittelalterliche Universität

a) Die Entstehung der Universitäten

Die europäische Form der hohen Schule, die Universität, entstand im Hochmittelalter, genauer, im 12. Jahrhundert. Bislang erfolgte die Ausbildung der Akademiker in Kloster- und Domscholen, die in der Regel nur für den eigenen Bedarf ausbildeten und nur selten auswärtige Kleriker aufnahmen. Diese Scholen standen unter der direkten Aufsicht des Abtes oder des Bischofs. Im 12.Jahrhundert nun entwickelten sich die Universitäten, wobei man nicht von der Vorstellung ausgehen darf, daß sie gegründet wurden – die erste regoläre Gründung durch einen Landesherrn erfolgte erst im 13.Jahrhundert, nämlich 1224 durch Friedrich II. in Neapel -, sondern sie entstanden im Laufe eines ungefähr 50jährigen Prozesses, bei dem zwei Scholen eine Vorreiterrolle übernahmen: Bologna und Paris. Das Neue an den Universitäten war, daß sie eine eigenständige Genossenschaft, einen Personenverband, mit der ausschließlichen Aufgabe der akademischen Lehre bildeten. In der Zusammensetzung dieses Personenverbandes gab es zwischen Bologna und Paris einen grundlegenden Unterschied. Die Bologneser Hochschole wurde von der universitas scholarium gebildet, also von den Studenten, und von einem studentischen Rektor geleitet. In Paris hingegen war die Hochschole als universitas magistrorum et scholarium verfaßt, als Genossenschaft der Lehrenden und Lernenden, wobei die Universität von den Professoren unter der Leitung des Kanzlers von Notre Dame geführt wurde (1). Bis zum Jahre 1200 traten noch Oxford, Montpellier und Salerno hinzu, bis um 1230 noch Reggio (Emilia), Vicenza, Arezzo, Padua, Neapel, Vercelli, Toolouse, Orleêans, Angers, Cambridge, Valencia.und Salamanca (2). Neu war an den Universitäten ihre große, weitreichende, überregionale Wirksamkeit sowie die Freizügigkeit der Studenten, die nicht mehr an ihr Kloster oder an ihren Dom gebunden waren. Schließlich bedurften die Magister und Scholaren als Ortsfremde eines besonderen Rechtsschutzes, die Universität selbst einer besonderen Bestandsgarantie. Eine solche Garantie bot die Authentica habita Kaiser Friedrich Barbarossas aus dem Jahre 1158, die die Freizügigkeit der Bologneser Studenten gewährte und es verbot, sie für Scholden ihrer Landsleute haftbar zu machen. Dieses Privileg schrieb im nachhinein einen schon seit längerem bestehenden Zustand fest, ist somit also nicht als Gründungsurkunde anzusehen. Sinnfälligster Ausdruck der akademischen Freiheit und Loslösung der Institution Universität von älteren Einrichtungen war die eigene Gerichtsbarkeit und der eigene Gerichtsstand der Universität (3).


b) Der Lehrbetrieb an den mittelalterlichen Universitäten

Die Juristen in Bologna, die Theologen in Paris, die Mediziner in Montpellier und Lehrer verschiedener Fächer in Oxford zogen viele Scholaren vornehmlich West-, Mittel- und Südeuropas an. Das Leben an den Universitäten gestaltete sich im Einzelnen recht unterschiedlich, doch lassen sich dennoch viele Regelmäßigkeiten feststellen. Innerhalb der Universität schlossen sich die Studenten zu nationes, landsmannschaftlichen Schutzgilden, zusammen, die wiederum in Korporationen vereinigt waren. In Bologna zum Beispiel umfaßte die „Korporation der Diesseitigen“ (citramontanorum – nämlich diesseits der Alpen) die drei Nationen der Italiener und die „Korporation der Jenseitigen“ (oltramontanorum – jenseits der Alpen) die 14 Nationen der Franzosen, Engländer, Deutschen und aller anderen (4). Demgegenüber verfügte Padua über vier Korporationen: 1. die Franzosen und Engländer, 2. die Italiener, 3. die Provençalen, Katalanen und Spanier und schließlich 4. die Deutschen (5). Die Universität mietete in den Städten hospicia, Wohnungen für Magister und Scholaren, in denen auch die Vorlesungen gehalten wurden, an. Größere Veranstaltungen fanden meist in kirchlichen Räumen statt. Auch der Markt für die Lebensmittel wurde von der Universität beaufsichtigt, um zum Beispiel durch die Festlegung von Höchstpreisen die Studenten vor Wucher zu schützen. Sie vermittelte fernerhin Darlehen für minderbemittelte Studenten, um zum einen die weite Anreise zu begünstigen, zum anderen den Scholdner an die Universität zu binden und somit die Freizügigkeit des Studenten einzuschränken. Des weiteren regelte die Universität die Professorenbesoldung. Entweder wurde ein städtisches oder ein fürstliches Salär gezahlt, oder aber die Studenten mußten durch Hörergelder die Bezahlung sicherstellen. Aus den oben bereits erwähnten hospicia entwickelten sich im Laufe der Zeit von Paris ausgehend die Bursen. Dabei handelte es sich um Wohn-, Eß- und Lerngemeinschaften, bei denen ca. 10-15 Scholaren unter der Leitung eines Magisters in kiosterähnlicher Abgeschiedenheit lebten. Räumlich bestand sie aus einem größeren heizbaren (!) Lehr- und Speiseraum, um den herum die Schlafräume lagen. Aus einer gemeinsamen Kasse wurden die laufenden Kosten für die Verpflegung und Heizung gedeckt. Von dieser gemeinsamen Kasse, im spätmittelalterlichen Latein bursa genannt, leitete sich der Name sowohl für die ganze Einrichtung als auch für das einzelne Mitglied ab. Zu Bursch abgewandelt blieb dies die Bezeichnung für den Studenten bis ins 19.Jahrhundert hinein, ja, die gesamte Studentenschaft wurde Burschenschaft genannt. Erst in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde daraus die Bezeichnung eines ganz bestimmten Typs der studentischen Organisation, der neben anderen bestand. In den Bursen wurde auch die Deposition eingeführt. Dabei handelte es sich um eine Einführungszeremonie in die Burse, bei der der neue Scholar verkleidet, bedroht, beschimpft, zum Teil mißhandelt und schließlich zu einer Beichte gezwungen wurde, woraufhin ihm schließlich die Absolution erteilt wurde, die ihm die Zahlung des Eintrittsgeldes für die Burse sowie die Kosten für ein üppiges Mahl aller Bursenmitglieder auferlegte.


c) Deutsche Universitäten

Es dauerte noch bis Mitte des 14. Jahrhunderts, ehe deutsche Scholaren an deutschen Universitäten studieren konnten. 1348 gründete Kaiser Karl IV. in Prag, seiner bevorzugten Stadt, die erste deutschsprachige Universität. Noch im selben Jahrhundert folgten Wien (1365), Heidelberg (1386), Köln (1388) und schließlich 1392 Erfurt. Auch die deutschen Universitäten folgten in ihrem Aufhau den älteren Vorbildern. Sie ahmten die Eingliederung der Studenten in das System von Nation und Korporation, das schon in zwei Fällen beschrieben worden ist, nach. In Prag zum Beispiel existierten vier Nationen: Böhmen, Bayern, Sachsen und Polen (6).


2. Die frühe Neuzeit

a) Die weitere Entwicklung der deutschen Universitäten

Schon während des 15.Jahrhunderts und mehr noch im 16. Jahrhundert gerieten die Universitäten zunehmend unter die Botmäßigkeit der Landesherrn. Es begann ein Prozeß, bei dessen Ende aus der selbständigen Institution Universität eine Einrichtung des modernen Staates geworden war, deren Aufgabe vorrangig die Ausbildung des akademischen Nachwuchses für den höheren Staatsdienst oder für hohe kirchliche Würden war. Das Studium war auf die Zwecke des Staates ausgerichtet. Universitäten waren somit Lehranstalten, deren Besuch gezielt zu einem Beruf als Jurist, Theologe oder auch als Mediziner führte. Der Student war mehr höherer Schüler als Student, in strenger Zucht gehalten, was bei den Heranwachsenden eine gewisse Aufmüpfigkeit erzeugte und einen aufrührerischen Lebenswandel hervorrief.


b) Studentische Verbindungen

Ausdruck des oben beschriebenen Vorganges war der Niedergang der Bursen. Erst gegen Ende des Mittelalters konnten die Studenten kleine private Zirkel bilden, die nur der gemeinsamen Geselligkeit dienten. Sie sind 1477 in Pavia und 1514 in Leipzig belegt (7), wobei es sich um landsmannschaftliche Gruppierungen handelte. Vorher waren die studentischen Zusammenschlüsse als Burse, Nation und Korporation Teil der Universität, ja, mehr noch, sie waren die Universität selbst. Studentische gesellige Vereinigungen existierten mithin erst in der Neuzeit. Die Studenten knüpften dabei natürlich an bestehende Traditionen an: die landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse hießen Nationen, die Studenten nannten sich selbst Burschen. Die Deposition entwickelte sich zu einem formalen Akt, zu einem Ritus bei der Immatrikolation an der Universität. Als solche blieb sie bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts bestehen. Noch der Ritter von Lang, der im April 1782 in Altdorf ein Jurastudium begann, erwähnt in seinen Erinnerungen, daß er unter bewaffneter Begleitung eines Depositors dem Rektor vorgeführt und immatrikoliert wurde (8). Auch die Burschen in der Nation übernahmen die Deposition und bauten sie zum Pennalismus aus, der das studentische Leben im 16. und 17. Jahrhundert bestimmte. Es handelte sich dabei um einen Brauch, bei dem der Studienanfänger – der Pennal – ein ganzes Jahr lang, manchmal sogar noch länger, die älteren Studenten von vorne bis hinten bedienen mußte, ja zum Teil sogar aushalten mußte, was den Pennäler natürlich hoch verscholdete. Dies geschah darüberhinaus nach heutigen gesellschaftlichen Regeln unter erniedrigenden und entwürdigenden Umständen. So mußte der Pennäler zum Beispiel bei gemeinsamen Zechgelagen unter dem Tisch sitzen, wenn er nicht gerade bediente, und durfte zum Schluß auch noch die gesamten Kosten tragen. Für bereits kleine Fehler oder Unachtsamkeiten oder gar Widerspruch wurde er unnachsichtig bestraft, mitunter auch mißhandelt. Begründet wurde dieser Brauch damit, daß es sich bei dem Pennäler um einen noch unwissenden, unreifen Schüler handele, der erst durch das Pennaljahr zu einem quasi Neugeborenen, endlich Gleichberechtigten bekehrt werden müsse. Von den Universitäten wurde dieser Brauch, ebenso wie dessen Träger, die Nationen, energisch bekämpft, allerdings mit geringem Erfolg. Die Nationen hatten immerhin bis Ende des 17. Jahrhunderts Bestand gehabt, und der Pennalismus erlebte während des 30jährigen Krieg seine Blüte (9).


c) Das 18. Jahrhundert

Die bestehenden, nach landsmannschaftlichen Gesichtspunkten verfaßten Nationen erlebten im 18. Jahrhundert die Entwicklung zu den studentischen Verbindungen modernen Typs. Erstmals für die zweite Hälfte des Jahrhunderts sind schriftliche Statuten überliefert, die das Verbindungsleben zu regeln versuchten. Unterordnung unter einen Vorsitzenden, dem Senior, Mehrheitsbeschlüsse, geselliges Miteinander, Satisfaktion von Beleidigungen, gemeinsames Auftreten nach außen bestimmten jetzt das Leben der Landsmannschaften, die aber dennoch von einem eher lockeren Zusammenhalt geprägt waren. So endete auch die Zugehörigkeit zu einer Landsmannschaft mit dem Studienabschluß; einen Lebensbund bildeten sie also nicht. Dieses war erst Ergebnis einer anderen Entwicklung, nämlich der Herausbildung der Orden gegen Ende des Jahrhunderts, die neben den Landsmannschaften die zweite Gruppe der Verbindungen bildeten. Bei den Orden handelte es sich um studentische Zusammenschlüsse nach dem Vorbild der Freimaurerlogen. Mit diesen teilten sie 1. die Geheimhaltung, 2. die exklusive Auswahl ihrer Mitglieder, 3. ein durchdachtes und kompliziertes Zeremoniell und schließlich 4. das Lebensbundprinzip. Sie unterschieden sich aber nicht nur äußerlich von den Landsmannschaften, sondern auch dadurch, daß sie ein weltanschaoliches Programm hatten, das in ihren Namen zum Ausdruck kam: Amicisten, Konstantisten, Harmonisten oder Unitisten nannten sich die vier größten Orden. Von diesen Ordnen stammte nicht nur die Tradition des Lebensbundes, sondern auch der Zirkel als äußeres Zeichen sowie die Kreuze zur Kennzeichnung des Vorstandes. Da die Orden sehr mit den aufklärerischen Ideen der Französischen Revolution sympathisierten und durchaus politische Zielsetzungen verfolgten, wurden sie von der Obrigkeit auf das Strengste verfolgt, weshalb sie sich nicht durchsetzen konnten und um 1800 verschwanden (10). Neben den Orden und Landsmannschaften existierten noch andere Freundschaftsbünde, Kränzchen genannt, die völlig apolitisch waren und deshalb von der Obrigkeit gedoldet wurden. Diese Kränzchen übernahmen wesentliche äußere Merkmale der Orden (s.o.), ohne allerdings die politische Programmatik weiterzuverfolgen. Hieraus entwickelten sich um die Jahrhundertwende die ersten Corps, die unabhängig von der landsmannschaftlichen Herkunft die Studenten zusammenschloß. Bis heute besteht das 1798 gegründete Erlanger Corps Onoldia (11).


3. Das 19. Jahrhundert

Um die Wende zum 19. Jahrhundert und in dem sich anschließenden Jahrzehnt wurde die bestehende Universitätsverfassung, die die Universität als reine Lehreinrichtung für Juristen, Theologen und Mediziner mit der Aufgabe, „das Wissen statisch als zu tradierende Summe der Erkenntnis (12) weiterzuvermitteln, verstand, von progressiven Reformern hinterfragt. Fichte, Schelling, Schleiermacher, Steffens (13) und vor allem Wilhelm von Humboldt propagierten ein neues Wissenschaftsverständnis, das das Wissen „als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“ (14) (Humboldt) betrachtete und daraus die Forderung ableitete, daß das Wissen ständig erweitert und vergrößert werden müsse. Das war etwas anderes als das bisherige mechanische Auswendiglernen bestehender Kenntnisse und das Aneignen bestimmter Fähigkeiten. Die Universität wurde als Forschungsstätte konzipiert, wie sie bei den Neugründungen in Berlin (1810), Breslau (1811) und Bonn (1818) berücksichtigt wurde. Man muß diese Universitätsreform im Zusammenhang mit den anderen Reformbemühungen der damaligen Zeit sehen, die versuchten, ein neues, anderes Verhältnis des Einzelnen zum Staat zu schaffen, nämlich weg vom Untertan hin zum mitverantwortlichen Staatsbürger. In der anschließenden Restauration wurde dann die Entwicklung rückgängig gemacht, indem man zu dem alten Prinzip der Universitäten als Ausbildungsanstalt für den Staat zurückkehren wollte.


a) 1813-1819: Von den Befreiungskriegen zu den Karlsbader Beschlüssen

Diese neue Konzeption der Universität und das dadurch geprägte Selbstverständnis der Studenten wurde für die Weiterentwicklung der Verbindungen von größter Bedeutung. Angespornt durch die patriotischen Schriften Friedrich Ludwig Jahns, Ernst Moritz Arndts und Johann Gottlieb Fichtes, um nur die wichtigsten zu nennen, beteiligten sich viele Studenten in dem Befreiungskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft und schlossen sich deshalb dem Lützowschen Freicorps an, das 1813 durch Major Adolf Freiherr von Lützow mit Erlaubnis des preußischen Königs gegründet worden war, um die regolären Truppen zu unterstützen. Befreiungskampf bedeutete aber nicht nur Widerstand gegen die fremde Besetzung, sondern auch den Kampf um die nationale Einheit Deutschlands mit einer repräsentativen Verfassung, meinte also auch die Befreiung von den kleinen absolutistischen Fürstentümern in Deutschland. Gerade um dieses Ziel sahen sich die freiwilligen Kriegsteilnehmer betrogen, als der Wiener Kongreß am 9./10. Juni 1815 unter Metternichs Ägide die Schlußakte verabschiedete. Um die obengenannten politischen Ziele weiterzuverfolgen, gründeten zwei Tage später (12.Juni) 143 Studenten in Jena die erste Burschenschaft, meist verkürzt zu Urburschenschaft, mit dem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Damit knüpften sie an studentische Traditionen an (Ehre) und gaben der Forderung nach demokratischen Freiheitsrechten und der politischen Einheit Ausdruck. Es handelte sich also um eine Verbindung mit dezidiert politischer Zielsetzung und einer paramilitärischen Tradition, die mit ihrem Namen – Bursche wurde gleichbedeutend mit Student gebraucht – die gesamte Studentenschaft zu mobilisieren trachtete. Die Burschenschaft knüpfte natürlich an bestehende studentische Formen an, leitete aber aus ihrem Programm eine Führungsrolle vor den älteren Landsmannschaften und Corps ab, welche im weiteren Verlauf des Jahrhunderts das Verhältnis der Korporationen untereinander bestimmte, wenn nicht sogar bisweilen belastete (15). Um ihren politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen, verließen die Burschenschafter die Universität und traten mit einer großen Kundgebung an die Öffentlichkeit heran. Anlaß dazu bot die 300-Jahr-Feier der Reformation und der dritte Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1817. Ungefähr 400 Burschenschafter aus Jena, Kiel, Göttingen, Gießen, Berlin und anderen Universitäten kamen zu einem gesamtdeutschen Treffen auf der Wartburg zusammen, um ein deutliches Zeichen des Widerstandes gegen die beginnende Restauration zu setzen. Der Theologiestudent Arminius Riemann und die Professoren Lorenz Oken und J. F. Fries aus Jena hielten die Regierungen herausfordernde Reden, und am Abend verbrannten nach einem gemeinsamen Fackelzug einige Studenten auf der Wartburg mehrere, die alte Ordnung verteidigende Schriften sowie einen Zopf und Korporalsstock als Symbole des Ançien Rêgime. Diese Aktion weckte das Mißtrauen der Regierungen des Deutschen Bundes, vor allem Österreichs und Preußens, und sie werteten sie als Anschlag auf die staatliche Ordnung. Zu einer systematischen Verfolgung der Burschenschaften kam es jedoch erst, als der Theologiestudent Karl Sand, der dem politisch radikalen Kreis der Unbedingten um den Juraprofessor Karl Follen in Gießen angehörte, am 23. März 1819 den russischen Geheimberichterstatter und Schriftsteller August von Kotzebue ermordete. Dadurch wurde das Präsidium des Deutschen Bundes veranlaßt, die Burschenschaften auf das Schärfste zu verfolgen und auszumerzen. Am 20. September 1819 verabschiedete der Frankfurter Bundestag die auf einer Konferenz in Karlsbad verfaßten Beschlüsse, die neben einer Beschneidung der Pressefreiheit und Errichtung einer zentralen Untersuchungsbehörde in Mainz auch ein Gesetz über die Verhältnisse an den Universitäten beinhalteten. So wurde jeder Universität ein außerordentlicher landesherrlicher Beamter – also kein Universitätsangehöriger – beigeordnet, der über die Staatstreue der Professoren und Studenten zu wachen hatte und, falls sie aufrührerische Reden und Schriften verbreiteten, sie der Untersuchungsbehörde in Mainz melden mußte. Die Burschenschaften wurden verboten. Die Jenaer Burschenschaft wurde 1819 zur öffentlichen Auflösung gezwungen. Es gelang den deutschen Länderregierungen, die Burschenschaften derart zu verfolgen, daß sie in den frühen zwanzigerJahren keinerlei Aktivität mehr an den Tag legen konnten (16).


b) 1820-1848/49: Restauration, Vormärz und Revolution

Diese zielstrebige Unterdrückung zwang die Burschenschaft zwar nicht für immer in den Untergrund, jedoch zur Aufgabe der politischen Inhalte und des allgemeinstudentischen Anspruchs, so daß sie zu einer Korporation neben den traditionellen, jetzt wieder neu belebten Landsmannschaften und Corps wurde. Ende der zwanziger Jahre konnten sich auch wieder versteckt einzelne Burschenschaften gründen, da die Verfolgung nicht mehr so streng durchgeführt wurde. 1827 wurde die zentrale Untersuchungskommission in Mainz aufgehoben, und in Bamberg wurde im Geheimen die Allgemeine Deutsche Burschenschaft konstitutiert, die allerdings bald in zwei Fraktionen zerfiel: die Arminen waren zwar auch politisch ausgerichtet, wandten sich aber mehr dem studentischen und universitären Leben zu, während die Germanen politisch wesentlich radikaler waren und sich massiv für eine republikanische Verfassung einsetzten (17). Die Revolution vom Joli 1830 in Frankreich verhalf der demokratischen und nationalen Einigungsbewegung zu einer Neubelebung, die über die studentischen Kreise weit hinausging und das Kleinbürgertum und die Handwerkerschaft mit einbezog (18). Die Nationalbewegung gipfelte in einer großen Demonstration Ende Mai 1832 auf dem Hambacher Schloß, die als Hambacher Fest in die Geschichte einging. Diese Volksversammlung wurde zwar unter maßgeblicher Beteiligung der Heidelberger Studentenschaft durchgeführt, jedoch unter den ca. 30000 Teilnehmern machten sie nur einen geringen Teil aus. Von einer Revolution war man noch weit entfernt. So fand denn auch der Putschversuch der Germanen – trotz Verrats stürmten 40 Burschenschafter die Frankfurter Hauptpolizeiwache, um einen Schlag gegen den Bundestag einzoleiten – bei der Bevölkerung keinerlei Rückhalt und konnte durch herbeigerufenes Militär leicht niedergeworfen werden. Resoltat des Putschversuches war die Einrichtung einer neuen Zentralbehörde in Frankfurt, die nachhaltig und mit großem Erfolg Revolutionäre und Burschenschafter verfolgte und den Gerichten überwies, so daß viele von ihnen zu langen Festungsstrafen oder gar zum Tode verurteilt wurde. Wieder bedeutete die Zerschlagung der Burschenschaften die Aktivierung der anderen Verbindungen (19). So kam es in den dreißiger und vermehrt in den vierziger Jahren zu Gründungen von konfessionellen Verbindungen, die einen betont apolitischen Kurs steuerten und einen sittlich-zurückhaltenden Lebenswandel an den Tag legten: sie lehnten äußere Merkmale ab und erachteten das Duell für unwürdig. Die erste dieser Verbindungen, die 1836 gegründete Uttenruthia in Erlangen, existiert noch heute. Von den christlich-ökumenischen Verbindungen setzten sich die Katholiken ab, um sich in der vom Protestantismus geprägten Hochschollandschaft mehr Gehör zu verschaffen. Deswegen griffen katholische Verbindungen bewußt auf äußerliche burschenschaftliche Formen zurück, um somit öffentlich für die Emanzipierung des Katholizismus einzutreten (20). 1817 waren es fast 400, 1832 30000, 1848 schließlich Millionen: die seit langem wachsende Unzufriedenheit führte endlich, nach einem Anstoß aus Frankreich (der Februarrevolution) auch in Deutschland zur Revolution. Im ganzen Gebiet des Deutschen Bundes erhob sich die Bevölkerung gegen die bestehende Ordnung, wobei die akademische Jugend eine hervorragende Rolle einnahm. Schon in dem vorhergehenden Jahrzehnt entwickelte sich eine neue, äußerst kritische und progressive Studentenbewegung: der Progreß. Er organisierte sich anders als die Burschenschaften in lockeren Vereinen und lehnte jegliche straff organisierte Organisationsform ab. Die Progressisten forderten die völlige Verschmelzung der Universität mit der Öffentlichkeit, also vor allem die Abschaffung der akademischen Gerichtsbarkeit, sowie die Aufhebung des überkommenen Ehrbegriffs der Studenten und damit letztlich die Abschaffung des Duells (21). Im März 1848 verjagten Studenten in Wien, als akademische Legion zusammengeschlossen, gemeinsam mit der Arbeiterschaft den Staatskanzler Metternich, in Berlin kämpften sie auf den Barrikaden, in Schleswig-Holstein zogen sie gegen dänische Truppen: kurz, Studenten, und mit ihnen die Verbindungen, hatten bei der Revolution eine nicht zu unterschätzende Funktion. Sie wirkten als intellektuelle Vordenker, agitative Aufklärer und galten als traditionelle Vorkämpfer für ein demokratisches und geeintes Deutschland. Zu Pfingsten trafen sich über 1000 Studenten auf der Wartburg, in Erinnerung an das Fest vor 31 Jahren, um über die allgemeine Hochscholreform zu diskutieren und um sich über gemeinsame Grundsätze und Leitlinien bei der Verwirklichung zu vereinigen. Lediglich die Forderung nach unbedingter Lehr- und Lernfreiheit wurde von allen Studenten getragen, andere Ziele wie die Abschaffung der Fakoltäten oder gar der akademischen Gerichtsbarkeit wurden nur von einem Teil der versammelten Studentenschaft verabschiedet. Zu groß waren schon die verschiedenen Traditionen und Gegensätze zwischen Burschenschaften, Progressisten, Corpsstudenten usw. Das zustandegekommene Programm war den meisten Professoren, den Behörden und auch den konservativen Verbindungen derart suspekt, daß sie gemeinsam diesen progressiven Ansatz bekämpften und dieser deswegen nur Episode blieb. Die alte Universität blieb im großen und ganzen als solche erhalten (22).


c) 1850-1914: Reaktionszeit und Kaiserreich

Die progressistische Studentenbewegung zwang die älteren Studentenverbindungen zu einer Konsolidierung ihrer Formen und Traditionen. So gründeten am 26. Mai 1855 sieben Corps den Kösener-Senioren-Convent-Verband, der somit den ersten nationalen Dachverband bildete und die unbedingte Satisfaktion in den Vordergrund seiner Aktivitäten stellte. In der nach der Revolution einsetzenden Reaktionsepoche verloren die Verbindungen größtenteils ihre politische Zielsetzung und entwickelten sich zu rein akademischen Lebensgemeinschaften. Lediglich die Germanen setzten die Tradition der politischen Betätigung fort und, da über diese Frage selbst untereinander kein Konsens erzielt werden konnte, gerieten in der folgenden Zeit ins Abseits. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, die studentischen und korporativen Lebensformen waren voll ausgebildet, entwickelten sich die Verbindungen zu den dominierenden Institutionen an der Universität, wobei vor allem die Corps die führende Rolle einnahmen. Verbindungen hatten sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpft: ausgehend von verbotenen Landsmannschaften, verfolgten Orden und Burschenschaften, manchmal gedoldeten Kränzchen und Corps, wurden sie zur staatstreuen und fast sogar staatstragenden Einrichtung: Kaiser Wilhelm II. selbst galt als „oberster Corpsstudent des deutschen Reiches“. Es fand im 19. Jahrhundert ein völliger Wechsel der gesellschaftlichen Bedeutung der Verbindungen statt, der im Rückblick die Zeit im Kaiserreich als Blütephase erscheinen läßt. Dafür spricht, daß ca. ein Drittel aller Studierenden Mitglieder in Verbindungen waren, in manchen Universitätsstädten sogar weit mehr als die Hälfte. Wenn die alten Verbindungstypen anfänglich eine Führungsrolle einnahmen, so wurde doch im Laufe der Zeit die Spannweite um neue, verschieden ausgerichtete Korporationen wesentlich vergrößert: schlagende, nicht schlagende, farbentragende, nicht farbentragende, konfessionelle, sich auf einzelne akademische Disziplinen beschränkende, musische Verbindungen (Sondershäuser Verband), Turnverbindungen usw. Auch gesellschaftlich diskriminierte Gruppen wie Juden und akademisch unterrepräsentierte wie die Frauen gründeten ihre eigenen Verbindungen (ab 1908 waren Frauen in Preußen ohne Einschränkung zum Studium zugelassen). Diesem gesellschaftlichen Wechsel entsprach ein Wandel der politischen Orientierung: jetzt, da die Einigung Deutschlands gesichert war, wurde aus der nationalen Bewegung eine nationalistische, die ihre Ziele von 1848 erreicht sah, ihr progressives und liberales Erbe gegen eine konservative Grundüberzeugung tauschten und somit die Wende zum Illiberalismus einleiteten, der das Leben der Akademiker bis zum Ersten Weltkrieg bestimmen sollte (23).


4. Das 20. Jahrhundert

a) Die Weimarer Republik

Deutschlands Universitäten blieben während des Ersten Weltkrieges geöffnet, obwohl etwa zwei Drittel der immatrikolierten Studenten am Kriege teilnahmen. Diese Studenten kamen nach Abschluß des Waffenstillstandes im November 1918 und der darauffolgenden Demobilisierung an die Hochscholen zurück, so daß in den Anfangsjahren der Weimarer Republik ein gewaltiger Studentenberg entstand, da die Zahl der Abiturienten und Studienanfänger ungefähr gleich geblieben war. In der wirtschaftlichen Krisensituation der beginnenden Weimarer Republik erschwerte sich dabei in zunehmenden Maße der Eintritt in das Berufsleben, was eine Verlängerung der Studiendauer mit sich brachte (sogenanntes Parkstudium; kennzeichnend für jede Wirtschaftskrise). Erst um die Mitte der zwanzigerJahre konnte die Überfüllung der Hochscholen etwas abgebaut werden, blieb aber weiterhin über dem Vorkriegsniveau. Diese Entspannung währte jedoch nicht lange, denn mit der Wirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre ging eine rapide Verschlechterung der Berufsaussichten einher, was das Studium als Alternative zur Arbeitslosigkeit erscheinen ließ und sich somit die Studierwilligkeit erhöhte, aber auch das Studium verlängerte. Daneben wirkte der schon vor dem Ersten Weltkrieg einsetzende Ausbau des Oberscholwesens (Realgymnasien, Oberrealscholen) für eine Ausweitung der studienberechtigten Abiturienten. Den Zeitgenossen war eine derartige Überfüllung der Universitäten unbekannt und erschien ihnen deshalb als sehr dramatisch und gefährlich, so daß das Schlagwort von dem „akademischen Proletariat“ (arbeitslose Jungakademiker) aufkam (24). Das Studium in den zwanziger Jahren war darüberhinaus von einer äußerst desolaten wirtschaftlichen und finanziellen Lage gekennzeichnet: es fehlte, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, die häusliche Unterstützung durch die Eltern, weshalb sich viele Studenten ihr Studium durch Büro- und Industriearbeit selbst finanzieren mußten (Werkstudententum), was natürlich das Studium auf das Äußerste behinderte. Es fehlte aber auch an Wohnraum – das Angebot blieb bei steigenden Studentenzahlen ungefähr gleich mit der Folge, daß die Mieten stiegen – und auch die Ernährungssituation war derart miserabel, daß sich in Teilen der unterernährten Studentenschaft tuberkolöse Erkrankungen ausbreiteten. Neben die Vermassung der Universität trat die Verelendung der Studenten. Dieses führte zur Einrichtung auch heute noch bestehender sozialer Einrichtungen, wie des Deutschen Studentenwerks, 1929 gegründet, welches mit seinen Wohnheimen ungefähr ein Zehntel und mit seinen Mensen ungefähr ein Drittel aller Studenten erreichte, oder auch der Studienstiftung des deutschen Volkes, die nach 1925 eine kleine Anzahl begabter Kinder aus Arbeiter- und Bauernfamilien förderte. Die Form des Werkstudententums versagte allerdings Ende der zwanzigerJahre, da in dieser Zeit der Arbeitslosigkeit für Studenten keine Stellen offen waren (25). Diese kurze Charakteristik zeigt, welch eminent wichtige soziale Versorgungsfunktion die Korporationen mit ihren Häusern für die Studenten ausübten und welche Attraktivität die Beziehung zu Alten Herren hatte. Korporationen waren beliebt wie nie zuvor. Sie wuchsen mit den steigenden Studentenzahlen und der Korporationsgrad unter den Studenten stieg über den der Kaiserzeit noch hinaus und erreichte Anfang der dreißiger Jahre seinen Höhepunkt. Es gab immerhin 49 Dachverbände mit mehr als 1300 Korporationen. Für das Verhältnis der Verbände untereinander kam es Anfang der zwanziger Jahre zu entscheidenden Neuerungen. Hatten sie sich während der Kaiserzeit wegen geringfügiger Nichtigkeiten gegenseitig befehdet, so kam es 1919 zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Waffenringes (ADW), der die schlagenden Verbände auf eine gemeinsamen Ehrenordnung festlegte. 1921 wurde das Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen verabschiedet, das die Regelung von Satisfaktionsfragen auch mit den nicht-schlagenden Verbänden bestimmte (26). Vor dem Hintergrund der eklatanten wirtschaftlichen Misere ist zu verstehen, daß große Teile der Studentenschaft, und gerade auch die korporierten Studenten, die ohnehin traditionell und konservativ eingestellt waren, nicht nur 1918-1923 paramilitärisch aktiv gegen kommunistische Aufstände in Thüringen und im Ruhrgebiet vorgingen, sondern auch während der gesamten Zeit der Republik feindlich gegenüberstanden, wie der Streit um die Verfassung der Deutschen Studentenschaft (DSt) zeigt. Die Deutsche Studentenschaft war die reichsweite Organisation der ASTA’s, der Allgemeinen Studentenausschüsse, die am 17./19. Joli 1919 auf einem Vertretertag in Würzburg gegründet wurde. Die ASTA’s hatten sich aus den Zusammenschlüssen der nicht-korporierten Studenten während der Kaiserzeitentwickelt, wurden nach dem Kriege allerdings als die alleinige studentische Selbstvertretung an den Universitäten aufgestellt – ein Ausdruck der Revolution – und zeichneten sich durch Zwangsmitgliedschaft, Zwangsbeiträge und durch allgemeines, direktes Wahlrecht aus. Die Deutsche Studentenschaft verzeichnete Erfolge vor allem mit der Wirtschaftshilfe der deutschen Studenten, die sich 1929 als Deutsches Studentenwerk neugründete (s.o.). Der Streit um die Verfassung der Deutsche Studentenschaft entzündete sich um die Frage seines Geltungsbereiches. Der preußische Koltusminister C. H. Becker vertrat dabei den Standpunkt, daß nur die ASTA’s reichsdeutscher Universitaten und Studenten Mitglieder sein konnten, dafür aber alle Gruppen repräsentiert sein sollten. Auf der anderen Seite standen national-konservative Studentengruppen sowie die schlagenden Verbindungen, deren Verbände über die Grenzen des deutschen Reiches hinausgingen und deshalb Mitsprache auch für österreichische, sudetendeutsche und Danziger Verbindungen forderten, andererseits aber jüdische Verbindungen und sozialistische Gruppen ausschließen wollten. Der Streit, dessen einzelne Stationen hier nicht zu erzählen sind, dauerte bis 1927, als die großdeutsch-nationalistisch antisemitischen Gruppen gegen eine vom preußischen Koltusminister erlassene Satzung Sturm liefen und gegen ihn selbst eine heftige Propaganda entfachten, mit dem Erfolg, daß bei der Abstimmung über die Satzung 77% aller Studentenwähler gegen die Satzung votierten, so daß Becker sich gezwungen sah, die bestehende Deutsche Studentenschaft aufzolösen. Sie blieb fürderhin als Rumpf-Arbeitsgemeinschaft der ASTA’s bestehen, allerdings von den Korporationsverbänden finanziert (27). Ferner äußerte sich die Haltung der Studenten in Agitationen (Vorlesungsstreiks) gegen politisch mißliebige Dozenten, so unter anderem den Professor Lessing in Hannover, der Hindenburg als „blutrünstigen Nero“ bezeichnet hatte. In dieser Phase erfolgte die Gründung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) im Februar 1926. In den ersten zwei Jahren seines Bestehens steuerte er unter der Leitung von W. Tempel einen Konfrontationskurs gegen die seiner Meinung nach arroganten und überheblichen Verbindungen. Nach 1928 änderte sich unter der Leitung von Baldur von Schirach diese Politik zugunsten der Verbindungen, um das dort vorhandene antidemokratische und republikfeindliche Potential anzusprechen. Seiner Konzeption nach ein politischer Studentenbund, führte 1930 der Erlaß einer „Ehrenordnung“, die das Ausfechten von Ehrbeleidigungen für NSDStB-Mitglieder zoließ, zu einer äußerlichen Annäherung an die Verbindungen, zumal es an einigen Universitäten einen beachtlichen Anteil von Doppelmitgliedschaften gab, obwohl es auch zum Teil Widerstand gegen die parteipolitische Inanspruchnahme der Verbindungen durch den NSDStB gab. 1932 hatte er die Mehrheit in der Deutschen Studentenschaft erreicht, nachdem er schon an vielen Universitäten den ASTA stellte, und führte mit deren Hilfe am 10. Mai 1933 die berüchtigte Bücherverbrennung durch (28).


b) Das Dritte Reich

Erstes Ziel der nationalsozialistischen Universitätspolitik war der Abbau des Studentenberges, welches sofort, 1933, durch Studienverbote und -einschränkungen für Juden, Kommunisten, Sozialisten und Frauen, und ab 1935 durch die Koppelung des Universitätszuganges mit der Ableistung der Wehrdienstpflicht und der HJ-Mitgliedschaft erreicht wurde, so daß Ende der dreißiger Jahre dieser Studentenberg nicht nur abgebaut war, sondern schon ein spürbarer Akademikermangel eintrat. Dieser wiederum veranlaßte die NS-Führung, das Studium attraktiver und effizienter zu gestalten. Zu Kriegsanfang wurde die gültige Semesterregelung zugunsten einer Trimesterregelung aufgehoben, die sich allerdings nicht bewährte und schon 1941 wieder abgeschafft wurde. Der Akademikermangel war derart groß, daß man während des Krieges Frauen wieder voll zum Studium, zoließ und auch Soldaten zum Studium beurlaubte. Dieses erwies sich auch als nicht glückhafte Lösung, da die Leistungen der Soldatenstudenten, kaserniert und zwischen militärischen und universitären Pflichten eingekeilt, zu wünschen übrig ließen, und sie sich andererseits leicht dem Vorwurf der Drückebergerei ausgesetzt sahen. 1944 wurde auch dieses aufgehoben, da seit der Errichtung der zweiten Front im Westen sämtliche Reserven eingesetzt wurden. Im Laufe des Jahres wurde der gesamte Studierbetrieb nach und nach eingestellt, da durch die Bombenangriffe die Universitäten ganz oder teilweise zerstört waren. Im letzten Kriegshalbjahr fand an den Universitäten kein Lehrbetrieb mehr statt (29). Die Korporationen arrangierten sich zunächst mit den nationalsozialistischen Machthabern. Sie führten 1933 in den Verbänden das „Führerprinzip“ ein und vollzogen die geforderte Arisierung, d. h. sie schlossen jüdische Mitglieder aus oder erzwangen den Austritt. Allerdings hatten nur wenige nichtantisemitische Verbindungen überhaupt jüdische Mitglieder. Ein Teil dieser Verbindungen widersetzte sich der Durchführung und wurden daraufhin aufgelöst. In den Verbänden kam es über diese Fragen zu internen Auseinandersetzungen, da auf der einen Seite diese Politik dem Lebensbundprinzip entgegenstand, andererseits man aber gesetzestreu sein wollte und die Arisierung befürwortete. Die jüdischen Verbindungen selbst traf es gleich nach der Machtübernahme 1933: ihre Häuser wurden von der SA besetzt, das Vermögen beschlagnahmt und somit die Korporation aufgelöst. Zur generellen Auflösung der Verbindungen kam es erst, als während des Sommersemesters 1935 Mitglieder des Heidelberger Corps Saxo-Borussia sich mehrmals in der Öffentlichkeit despektierlich über Adolf Hitler äußerten. Dagegen schritt die NS-Führung ein: zunächst wurden Doppelmitgliedschaften zwischen HJ und NSDStB mit den Korporationen verboten. Einzelne Verbindungen unterstellten sich dann als Kameradschaften dem NSDStB, zogen sich aus den Aktivenverbänden zurück und zwangen diese somit zur Auflösung. Einige Altherrenverbände lösten sich mit auf, andere konnten im Stillen bis Kriegsende bestehen bleiben. Die Studenten waren jetzt in Kameradschaften gegliedert, die zum Teil die Häuser der Verbindungen weiter benutzten und von ihren Altherrenschaften, jetzt im NS-Altherrenbund zusammengeschlossen, unterstützt wurden. Verdeckt hielten sich die Korporationstraditionen bis 1945, als die Kameradschaften von den Alliierten verboten wurden (30).


c) Die Nachkriegszeit

Nach der deutschen Kapitolation und dem Kriegsende kam es schon im Herbst 1945 wieder zur Aufnahme der Lehrtätigkeit an den Universitäten. Der Neuanfang aus den Trümmern, die Verarbeitung der Schrecken des Krieges und die Bewältigung der Geschehnisse in den Konzentrationslagern, dazu die elende materielle Lage, die das reine Überleben fraglich werden ließ, all dies kennzeichnete das Leben der ersten Nachkriegsjahre. Dennoch stiegen die Studentenzahlen der Hochscholen der späteren Bundesrepublik schon bis 1948 auf ein weit höheres Niveau als in der Weimarer Republik! Dieser starke Andrang hielt in der gesamten Nachkriegszeit an. Anfang der sechzigerJahre stieg die Zahl der Immatrikolierten auf über 200000, um dann bis in die achtziger Jahre hinein auf ungefähr 1,3 Millionen zu steigen. Im Gegensatz zur Weimarer Republik stellte jetzt der Staat umfangreiche Mittel für die materielle Unterhaltssicherung zur Verfügung, vor allem nach dem „Honnefer Modell“, einer von der Westdeutschen Rektorenkonferenz 1955 erarbeiteten Empfehlung, als Mischung von Stipendium und Darlehen, und später als BAföG (Bundesausbildungsförderungs-Gesetz), welches seit jüngster Vergangenheit nur noch als Darlehen ausgezahlt wird. Während die Militärregierungen in ihren Besatzungszonen die Korporationen verboten, und auch die Westdeutsche Rektorenkonferenz in ihrem Tübinger Beschluß vom Oktober 1949 betonte, daß für Mensuren, den besonderen studentischen Ehrbegriff, die Abhaltung lärmender und geistloser Massengelage und für das Farbentragen in der zukünftigen studentischen Gesellschaft kein Platz mehr sei, konnten sich dennoch schon 1950 durch die Aktivitäten der Alten Herren viele Verbindungen wieder gründen. 1951 schlossen sich in Göttingen die zunächst 16 Dachverbände (darunter auch der SV!) zu dem Convent Deutscher Korporationsverbände (CDK) zusammen, konnten also erst jetzt interne Differenzen derart überwinden, daß eine alle Verbindungen umfassende Organisation möglich wurde. Die Verbindungen zogen auch nach dem Kriege das gesellige Leben an der Universität stark an, konnten sich jedoch unter den Studenten nicht so sehr durchsetzen, so daß der Korporierungsgrad hinter dem der Weimarer Republik zurückblieb. Wegen ihrer republikfeindlichen Einstellung während der Weimarer Zeit und ihrer zwischen Gleichgültigkeit und Bejahung schwankenden Einstellung zum Nationalsozialismus sahen (und sehen) sich Verbindungen in der Nachkriegszeit vehementer Kritik ausgesetzt. Die ASTA’s, 1946 wieder zugelassen, schufen 1949 den Verband Deutscher Studentenschaften (VDS), der quasi die Funktion der frühen Deutschen Studentenschaft übernahm (31). In den fünfzigerJahren hielten sich die Studenten politisch eher bedeckt. Zwar beteiligte sich ein Teil der Studentenschaft an den Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung und an der Anti-Atomtod-Bewegung, doch gewannen sie hier keine bedeutende politische Initiative. Dieses änderte sich erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, als der internationale Protest gegen den Vietnamkrieg auch die deutschen Studenten mobilisierte, und in dem Widerstand gegen die Notstandsgesetze der Großen Koalition, gegen die Springer’sche Pressekonzentration, gegen die Ordinarienuniversität seine spezifische deutsche Ausprägung gewann. Für die weitere Entwicklung der studentischen Subkoltur war die Studentenrevolte von entscheidender Bedeutung, da die konventionelle bürgerliche Lebensart in Frage gestellt und neue, antiautoritäre Lebensstilkonzepte entwickelt wurden, die, im Gegensatz zu den damals vertretenen politischen Utopien, heute in breiter Front Eingang in die Gesellschaft gefunden haben. Verbindungen wurden dabei als Relikte aus alter Zeit kritisiert, und insbesondere wegen ihrer jüngsten Geschichte angefeindet (s.o.). Diese Kritik wirkte sich negativ auf die Verbindungen aus: von den rund 1,3 Millionen Studenten sind rund 21000 korporiert; ein verschwindend geringer Teil. Somit sind die Verbindungen in den letzten 20 Jahren darum bemüht, sich ihren Platz in der modernen studentischen Gesellschaft zu erhalten, wobei derzeit über die einzuschlagende Richtung in der Frage über die Aufnahme von Frauen diskutiert wird. Hierbei stehen sich Befürworter und Gegner zum Teil recht unversöhnlich gegenüber, und wenn auch schon einige wenige Verbindungen Frauen aufgenommen haben, so wird die Diskussion gewiß noch einige Jahre andauern. Inwieweit dabei die allerjüngste konservative Tendenzwende eine Rolle spielen wird, ist noch nicht abzusehen.

Anmerkungen

  1. Classen, Srudium, 1983, S. 2.
  2. Classen, Studium, 1983, S. 171 Anm. 9.
  3. Krause, Burschenherrlichkeit, 1980, S. 9.
  4. Classen, Studium, 1983, S. 180.
  5. Classen, Studium, 1983, S. 180-186.
  6. Scholze und Ssymank, Studententum, 1910, S. 48. Im 15. Jahrhundert folgten nach Würzhurg (1410, 1413 aufgehohen), Leipzig (1409), Rostock (1419), Greifswald (1456), Freiburg i.B. (1457), Trier und Ingolstadt (beide 1472), Tübingen und Mainz (beide 1477). Die Gründungsdaten sind manchmal unsicher, da zur Einrichtung einer Universität die Gründung, päpstliche Bestätigung, Einweihung und wirkliche Aufnahme des Lehrbetriebes gehören, die nicht immer im selben Jahr stattgefunden haben mußten.
  7. Scholze und Ssymank, Studententum, 1910, S. 55.
  8. Memoiren des Ritters von Lang, 1957, S. 42.
  9. Krause, Burschenherrlichkeit, 1980, S. 32-40. Jarausch, Studenten, 1984, S. 17f
  10. Krause, Burschenherrlichkeit, 1980, S. 40-48.
  11. Krause, Burschenherrlichkeit, 1980, S. 74ff.
  12. Jarausch, Studenten, 1984, S. 19.
  13. Fichte: Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höhern Lehranstalt, 1807; Schleiermacher: Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn, 1808; Steffens: Über die Idee der Universität, 1809; Schelling: Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums, 1803.
  14. Zitiert nach: Jarausch, Studenten, 1984, S. 19.
  15. Jarausch, Studenten, 1984, S. 35 f.
  16. Jarausch, Studenten, 1984, S. 35-42.
  17. Krause, Burschenherrlichkeit, 1980, S. 94.
  18. Schieder, Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich, 1975, S. 51.
  19. Jarausch, Studenten, 1984,S. 42f.
  20. Krause, Burschenherrlichkeit, 1980, S. 96 ff.
  21. Jarausch, Studenten, 1984,S.47-51.
  22. Jarausch, Studenten, 1984, S. 51-54.
  23. Jarausch, Studenten, 1984, S. 82-93.
  24. Jarausch, Studenten, 1984, S. 124-133.
  25. Jarausch, Studenten, 1984,S. 141-144.
  26. Gladen, Gaudeamus, 1986,S. 39.
  27. Jarausch, Studenten, 1984, S. 145-150.
  28. Jarausch, Studenten, 1984, S. 153-158.
  29. Jaurausch, Studenten, 1984, S. 176-181.
  30. Gladen, Gaudeamus, 1986, S. 45-50. Jarausch, Studenten, 1984, S. 165-173.
  31. Jarausch, Studenten, 1984, S. 215-222.


Literatur

Die in den Anmerkungen verwendeten Kurztitel sind kursiv. Classen, Peter: Studium und Gesellschaft im Mittelalter, hrsg. von Johannes Fried (Schriften der Monumenta Germaniae Historica, 29). Stuttgart 1983. Gladen, Paolgerhard: Gaudeamus igitur. Die studentischen Verbindungen einst und jetzt. München 1986. Jarausch, Konrad H.: Deutsche Studenten 1800-1970 (Neue Historische Bibliothek, N.F. 258). Frankfurt 1984. Krause,Peter: „O alte Burschenherrlichkeit„. Die Studenten und ihr Brauchtum. Graz,Wien Köln 1980. Die Memoiren des Ritters von Lang 1764-1835, hrsg. von Hans Hausherr Stuttgart 1957. Schieder, Theodor: Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich (Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte, l5). München 1975. Scholze, Friedrich und Ssymank, Paol: Das deutsche Studententum von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Leipzig 1910.