N° 7 Natürlich

NERVENKOSTÜM

Die Erforschung neuronaler Systeme
führte zu neuen, das Denken unserer Epoche grundlegend prägenden Vorstellungsbildern:
Das neue Paradigma sagt, daß die Funktionsfähigkeit aller Körperorgane,
insbesondere auch des Nervenkostüms – einschließlich Gefühl und Verstand
– eine wichtige und notwendige Voraussetzung für alle Äußerungen der
Vernunft sind. Die emotionalen Grundlagen des Denkens und die Rationalität
des Gefühls sind zu Modethemen avanciert.

Der zeitgenössische Blick richtet sich auf die neuen, neurowissenschaftlich
geprägten Vorstellungen, die weit über die Neurologie hinaus das
allgemeine Denken beherrschen: das Paradigma von der engen Verflechtung
des Nervensystems mit den anderen Organen des Körpers, und von der
engen Wechselwirkung des Körpers mit Äusserungen des menschlichen
Geistes – Verstand, Wissen, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Berechnung,
Logik, Gefühl, Empfindung, Phantasie.

Mit den bildgebenden Verfahren der Hirnforschung läßt sich
die Aktivität der verschiedenen Gehirnregionen direkt sichtbar machen.
Damit werden bisher unbekannte Funktionsweisen des Gehirns beschreibbar,
Regelmäßigkeiten in der Informationsverarbeitung feststellbar, und
menschliches Erleben und Verhalten bis in fein aufgelöste physiologische
Prozesse hinein verfolgbar.

Die modernen Neurowissenschaften widerlegen die Decartes’sche
Behauptung von der Trennung von Körper und Geist; und sie lassen
erkennen, daß Gefühl und Empfindung nebst ihren physiologischen
Mechanismen uns bei der einschüchternden Aufgabe behilflich sein
können, eine ungewisse Zukunft vorherzusagen und uns vernünftig
zu verhalten.

Das menschliche Vernunftgebäude erwächst aus dem Zusammenwirken
vieler Ebenen neuronaler Organisation. Die unteren, älteren Stockwerke
steuern die für das Überleben notwendigen Körperfunktionen und zugleich
die Verarbeitung von Gefühlen und Empfindungen; dabei unterhalten
sie eine direkte Beziehung zu den oberen Stockwerken, in denen zielgerichtetes
Denken stattfindet, Vorstellungen erarbeitet und Entscheidungen
gefällt werden, das Sozialverhalten gesteuert und Kreativität hervorgebracht
wird: Der Schatten unserer entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit
fällt noch auf die höchsten Ebenen geistiger Aktivität.

Sicher auftreten, Haltung bewahren

Unter dem Blickwinkel des Paradigmas vom neuronalen Menschen
erhält auch eine der Besonderheiten des Corpslebens, die Mensur,
eine neue Begründung. Unsere Körperempfindungen beherrschen unsere
geistige Landschaft in den emotionalen Turbulenzen einer Mensur
besonders stark. Nur zu lebhaft denken wir zurück an die schlotternden
Knie, an das flaue Gefühl im Magen, an das Zittern der schweißnassen
Hände. Wir spüren noch die demoralisierende Wirkung der über unsere
Deckung geschwippten flachen Hiebe. Wir denken an die Worte der
älteren Corpsburschen, wie wenig hilfreich, ja unsinnig doch das
Weglaufen und das Wegmucken des Kopfes ist.

Wenn wir die Mensur einigermaßen gut überstehen wollen,
dürfen wir uns nicht willenlos den triebhaften Reaktionen ausliefern,
die dem Steinzeitmenschen das Überleben gesichert haben. Wer sich
selbst bis zum äußersten anstrengt, wird nicht Opfer, sondern Täter
der Mühe sein: Wir müssen uns angewöhnen, uns von unseren Empfindungen
nicht überwältigen zu lassen, sondern sie umzuformen in sicheres
Auftreten und unerschütterliche Haltung, in VIRTUS ET HONOS!

Der denkende Mensch wird sich darum bemühen, daß ihm Gefühle
und Empfindungen hilfreich zur Seite stehen anstatt ihn auf eine
einzige und noch dazu ungünstige Reaktion festzunageln; wir fechten,
weil diese Übung uns in die Lage versetzt, uns in Krisensituationen
für die eigene Person und für das soziale Umfeld vernünftig zu verhalten,
nach dem Motto:

VIRTUS et HONOS helfen Dir,
wird es brenzlig im Revier!

Literatur: Antonio Damasio: Decartes‘ Irrtum. Fühlen,
Denken und das menschliche Gehirn. dtv, München, 2. Aufl. 1997,
DM 22,90