N° 14 Rücksichtsvoll

RÜCKSICHTSVOLL UND LIBERAL

Der schottische Moralphilosoph und Volkswirtschaftler
Adam Smith unterscheidet in seinem 1776 erschienenen Buch AN
INQUIRY INTO THE NATURE AND CAUSES OF THE WEALTH OF NATIONS

drei elementare Tugenden: »prudence«, das wohlverstandene
Eigeninteresse; »justice«, der normative Rahmen, innerhalb
dessen sich »prudence« entfalten darf; »benevolence«,
die Güte, deren Befolgung das höchste Gut darstellt.

Die INQUIRY, eines der erfolgreichsten wissenschaftlichen
Werke der Weltliteratur, stellte die These auf, daß der freie Wettbewerb
von selbst zu einer Harmonie des sozialen Lebens führe, denn eine
»invisible hand« transformiere von selbst die egoistischen
Motive in soziale Taten. Wenn nur jeder die Belastungen, die er
und alle anderen durch sein Handeln erfahren, in Form von Kosten
berücksichtigte, dann käme überhaupt nur sozial kompatibles Handeln
zustande.

UNIVERSAL OTHERHOOD

Die heutigen Ideologen des Liberalismus
preisen das ungehemmte individuelle Gewinnstreben als ein Mittel
an, das die Welt von allen ihren Leiden in Kürze befreien werde
(allerdings sei es unvermeidlich, daß vorläufig noch gewisse Einschränkungen
von »justice« und »benevolence« gegenüber den weniger
Leistungsfähigen einer Gesellschaft in Kauf genommen werden müßten);
unser Blick solle sich auf die Segnungen der Globalisierung richten,
die es den Marktführern ermöglichten zu Marktbeherrschern zu werden;
Globalisierung helfe den traditionellen politischen Garanten von
»justice« und »benevolence«, den Staaten, bei ihren
Bemühungen in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Abbau der Lohnkosten,
Kürzung der öffentlichen Haushalte, Flexibilisierung der Arbeit:
das seien die Rezepte, mit deren Hilfe die möglichst weltweit agierenden
Unternehmen zum Nutzen aller (Aktionäre!?) gewinnbringend wirtschaften
könnten.

TRIBAL BROTHERHOOD

Die Verfechter der liberal-kapitalistischen
Ideologie haben jedoch bei der Durchsetzung ihrer gewinnbringenden
Ziele mit Widerständen zu rechnen: »Konservative« Kräfte (von den
»Progressiven« schon immer als "die ewig Gestrigen"
apostrophiert) warnen vor kurzsichtiger Gewinnmaximierung. Was muß
man, beispielsweise, unter "Produktivität" verstehen,
wenn es darum geht, ein Bildungssystem zu beurteilen? Was bringt’s?
Was bringen die Aufwendungen für die zukünftige Bereitstellung
von Gütern und Dienstleistungen, für die Produktion von Produzenten?
Was kosten uns die Schattenseiten des Neoliberalismus: die Zerstörung
des sozialen Netzes; die Erosion der staatsbürgerlichen Gesinnung;
die Durchsetzung von Arbeitsverhältnissen, die den Einzelnen zu
gnadenloser Selbstausbeutung zwingen?

Wenn man angesichts dieser Bedenken einen
Hoffnungsschimmer haben darf, dann sind es die kollektiven Bemühungen
nach Auswegen aus der individualisierten und pluralisierten Eigennutzmoral
und aus der angeblichen »Tugend der Orientierungslosigkeit«.
Ein untergegangen geglaubter sozial orientierter konservativer Liberalismus
lebt in traditionellen Gemeinschaften wieder auf: in Familien, Nachbarschaften,
Freundeskreisen, Vereinigungen, Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften,
Parteien, Staatengemeinschaften, im Europarat, in der Weltklimakonferenz.
Hier wird versucht, unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen
und politischen Verhältnisse Neuerungen einzuführen, die sich an
Bestehendem orientieren. Auf die Frage Was bringt’s? gibt es eine
einfache, von Charles Darwin vorformulierte nüchterne Antwort: Wie
alle organisch gewachsenen Systeme haben auch soziale Systeme nur
dann eine Entwicklungschance, wenn sie sich mit Hilfe ihrer Umwelt
immer wieder selbst erneuern.

Das aktive Corps: eine blühende Insel von »justice«
und »benevolence« in einem Meer von individuellem Eigennutz, rücksichtsvoll
und liberal

»K. Ibel